Wie mich meine erste Liebe fand...

Ich wurde an einem Mittwochmorgen im September geboren, eine halbe Stunde bevor die Sonne über dem Horizont aufging. Als Kleinkind habe ich viele Stunden in unserem kleinen Garten gespielt. Ich liebte es, den Amseln zuzuhören, die auf unserer Birke sangen. Ich redete mit den Wolken, wenn ich auf dem Ast unseres Apfelbaumes saß. Ich erinnere mich noch gut, wie ich einmal von meinem geliebten Kletterbaum gefallen bin und den ganzen Tag lang weinte. Oder wie erschrocken ich war, als – wie durch Geisterhand – hunderte Pilze nach einem warmen Sommerregen aus der Erde geschossen waren. Der Garten meiner Eltern war mein kleines Paradies mit seinen Freuden und Ängsten. Bis ich sieben war, spielte ich selten mit anderen Kindern. Während der kalten Winterzeit habe ich meistens im Haus gezeichnet und gemalt. Mein Vater war ein kritischer Mensch. Nach seinen Kommentaren versuchte ich, besser zeichnen zu lernen, um seine Liebe zu gewinnen. Meine Mutter hingegen freute sich immer, wenn ich ihr meine Werke zeigte.

 

Sonntags waren meine Eltern gelegentlich zu Besuch bei meinem Onkel. Er war katholischer Priester und ein wohlbeleibter, lustiger Mann, der gerne mit Aufziehmännchen spielte. In seinem Wohnzimmer hatte er ein altes Klavier. Ein deutsches Schiedmayer & Söhne. Als ich dieses alte, schwarz glänzende Möbelstück entdeckte, war ich sofort hin und weg. Und mein Onkel war beeindruckt, als er die kleinen Melodien hörte, die meine tanzenden Finger auf den Elfenbeintasten zauberten. Und dann plötzlich, an einem Sonntagnachmittag, machte er etwas, was mir schier unmöglich schien: Er schenkte mir sein geliebtes Instrument. Und wenige Tage später schmückte es mein Schlafzimmer!

 

So fand mich meine erste Liebe. Und ich war dankbar und glücklich, fortan meine Gefühle mit meinem Klavier zu teilen. In all den darauffolgenden Jahren half es mir zu überleben. Es hat mich getröstet, wenn ich traurig war oder Liebeskummer hatte. Es half mir, als mein Vater krank wurde und an Krebs starb. Ich war gerade 13 und hätte ihn noch lange gebraucht. Und mein Klavier hat sich auch um mich gekümmert, als ich meine geliebten Haustiere, meinen Hund und meine Katze verloren habe. Und nicht zuletzt war es an meiner Seite, als mir klar wurde, dass mein kleiner Sohn nicht wie andere Kinder sein würde.

 

Meine Eltern hatten nicht viel Geld. Ich erhielt nur gerade zwei Jahre Unterricht. Den Rest musste ich mir selber beibringen. Und ich glaube nicht, dass ich ein Virtuoso bin. Aber ich lernte frei zu improvisieren und die Melodien und Klänge zu entdecken, die mir gefallen. Seit diesen Anfängen habe ich stets versucht, meine eigene Musik zu finden. Die Musik meines Herzens. Die Musik, die in meinem Kopf ertönt.

Zwei biografische Notizen in lyrischer Prosa

Mutterliebe

Das dritte Baby meiner Mutter starb an Leukämie im Alter von zwei Jahren. Alles ging sehr schnell und alle standen unter Schock. Es kam der Tod ganz unerwartet in das neu gebaute Haus im Grünen.

 

Neulich, als ich meine Umzugskartons packte, fand ich meiner Mutter Tagebücher wieder. Und ich fragte mich, wie sie wohl damals mit der Trauer umgegangen ist. Doch leider fand ich nichts als leere Seiten. Wochenlang verstummte ihre Feder.

 

Später wurde ihr ein weitres Kind geschenkt. Sie war schon beinah vierzig Jahre alt, doch ihre Hoffnung und die Freude waren größer als die Sorge. Die Entschlossenheit, es auszutragen, gab ihr recht. Ich war gesund und die Geburt ging leicht, und meine beiden Brüder waren glücklich, denn im Hause kehrte wieder Leben ein.

 

Ich weiß noch ganz genau, dass neben meinen zwei Geschwistern auch der kleine Urban immer da war. Mitten unter uns. Denn meine Mutter sprach so oft zu ihm. Und wenn wir Hilfe brauchten, bat sie ihn darum. Daher verwundert es auch nicht, dass ich genau wie sie mit ihm zu sprechen anfing, so, als wäre er ein lieber Freund.

 

Ich habe viel von ihm erhalten! Trost und Hilfe und ein bisschen Lebensglück. Ich bin zwar später "klug" geworden, habe nicht mehr ernsthaft dran geglaubt. Doch meine Mutter blieb ihm treu. Sein Bild war der Altar des Hauses, stets geschmückt mit Blümchen und Figürchen.

 

Erst viel später, als sie alt geworden war und ihr erster Sohn an Krebs erkrankte, kam ein Schatten über sie und ihren kleinen Urban. Denn so sehr sie bat, so sehr sie Gott anflehte, nichts vermochte mehr den Gang zu ändern, den das Schicksal nahm. Mein Bruder starb und meine Mutter wurde grau. Die letzte Hoffnung, dass der kleine Urban helfen würde, starb mit ihrem Ältesten dahin.

 

Es tat mir leid, sie so zu sehen. Denn ihr Glaube an das Gute schien mit einem Mal verschwunden. Und im Pflegeheim, wo sie vor kurzem starb, da fragte sie nicht mehr nach Urbans Bild. Doch glaub ich heute fest daran, dass sie es nicht mehr brauchte. Ihre Seele war schon längst zu ihren beiden Kindern heimgekehrt.

Das Bild jedoch ist nun bei mir.

 

verfasst am Sonntag, 6. Oktober 2013 © Orlando Bay

Das Geheimnis meines Vaters

 Bevor mein Vater meine Mutter kennen lernte, gab es eine andre Frau, die er sehr liebte. Doch die beiden fanden nie so recht zusammen, weil sie nicht von gleichem Stande waren. Irgendwann entschied sich die Geliebte, einen Mann zu nehmen, der dem Stand der Eltern ebenbürtig war.

 

Es war ein sehr beliebter Mann. Ein Mann, der Männer liebte. Seine Ehe war daher mehr Schein als Sein. Mein Vater, damals jung und ledig, wurde stets als Freund des Hauses eingeladen, durfte seine Freundin weiterhin besuchen. Und er durfte wohl noch mehr als das.

 

Doch schon nach kurzer Zeit hat ihm die Rolle nicht mehr zugesagt. Er wollte nicht mehr nur ihr Spielzeug sein. Er wollte eine eigene Familie gründen. In der Nacht, als die Geliebte spürte, dass die große Liebe ihres Lebens nicht mehr wieder kommen würde, setzte sie dem eignen Leben jäh ein Ende.

 

Viele, viele Jahre später, als mein Vater selber nah dem Tode war, da wollte er den Mann, der Männer liebte, wieder sehn. Er fuhr mit mir und meiner Mutter an den Bielersee. Er wollte aber unbedingt alleine sein mit ihm und schickte mich und meine Mutter an den See.

 

Erst Tage später sagte er zu ihr, dass er ein Foto sehen wollte. Eines von dem Kind, das seine Freundin hinterlassen hatte. Denn er wollte wissen, was aus ihm geworden war. Er wollte sehen, wie die Tochter aussah jenes Mannes, der die Männer liebte.

 

Erst nachdem mein Vater längst gestorben war, erfuhr auch ich von diesen stets verborgnen Hintergründen. Und auf einmal wurde mir so klar, warum mein Vater immer leidend wirkte, ja, warum er so bedrückt durchs Leben ging. Er nahm sein trauriges Geheimnis mit ins Grab.

 

Verfasst am  Mittwoch, 13. November 2013 © Orlando Bay

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