MEIN LEBENSWEG

Träumer - Romantiker - Künstler

Ich wurde an einem Mittwochmorgen eine halbe Stunde vor Sonnenaufgang geboren. Als Kind verbrachte ich viel Zeit mit Malen, Zeichnen, Basteln und Klavierspielen. In unserem kleinen Vorstadtgarten lauschte ich dem Gesang der Amseln oder träumte auf dem alten Apfelbaum in den Tag hinein. Ich hatte wenig Kontakt mit andern Kinder und meine Brüder waren neun und zwölf Jahre älter. Ein dritter Bruder, mit dem ich in einer Art inneren Dialog verbunden war, starb mit zweieinhalb Jahren wenige Monate vor meiner Geburt.

 

Im Laufe meines 13. Lebensjahrs erkrankte mein Vater an Krebs und starb 16 Monate später nach einer schweren und belastenden Leidenszeit. Diese Erfahrung hat mich sehr geprägt und meine melancholische Haltung vermutlich verstärkt. Er war ein einfacher Schriftsetzer, dem die Arbeit und seine Kollegen nie viel Freude bereiteten. Mir kam es immer vor, als wenn er sich für die Familie geopfert hätte. Irgendwie weckte dies den Rebell in mir. Denn ich wollte nicht in seine Fußstapfen treten und nicht, wie meine Brüder es taten, mich "klassisch" in die Gesellschaft integrieren.

 

Nach seinem Tod blieben von der einst fünfköpfigen Familie nur meine Mutter und ich übrig. Meine Brüder waren längst erwachsen und außer Haus. Im Gegensatz zu meinem Vater war meine Mutter sehr lebenslustig und ausdrucksvoll. Goethes Zeilen treffen daher auch sehr gut auf mich zu: "Vom Vater hab ich die Statur, des Lebens ernstes Führen, vom Mütterchen die Frohnatur und Lust zu fabulieren." Sie und ich teilten viele gemeinsame Interessen wie Musik, Möbeldesign und Mode. Wir besuchten angesagte Designershops, Popkonzerte und Boutiquen. Sie unterstützte meine künstlerischen Neigungen mit ihrer bejahenden Art.

 

Da ich schon als Kind ständig gezeichnet und gemalt hatte, längst bevor das Klavier ins Haus kam, besuchte ich nach dem Gymnasium die Kunstakademie. Und nach den Abschlussexamen bildete ich mich dann noch weiter in einem speziellen Ausdruckstanz der 1920er Jahre. Während meiner Kunstausbildung spielte ich außerdem in einer Jazz-Rock-Formation E-Piano und Keyboard. Wir hatten viele Auftritte und bewarben uns erfolgreich für die Teilnahme an einem lokalen Jazz-Festival.

 

Mit meiner Seelengefährtin und späteren Ehefrau Vanessa Vox traf ich die Entscheidung den Schwerpunkt auf eigene künstlerische Projekte zu legen. Wir begannen unsere individuelle Formensprache zu suchen, unsere eigene Philosophie zu entwickeln. Wir probierten Vieles aus, was uns in den Bann zog: Schreiben, Malen, Komponieren, Fotografieren, Videokunst, Tanzen. Unsere Leidenschaft war und ist es noch immer, unsere Kreativität zu erforschen.

 

Nun, und genau das tun wir auch heute noch hier in der Drôme Provençale, sowohl als Einzelkünstler, als auch im Team. Während Vanessas Hauptthemen heute Fotografie und Videokunst sind, beschäftige ich mich vorwiegend mit Schreiben und Musik. Aber auch die bildende Kunst hat noch eine kleine Nische in unserem Leben. Die Webseite hier gibt ein Überblick über die verschiedenen kreativen Aktivitäten.

 

Verfasst am Donnerstag, 26. April 2018 von Orlando Bay

Biografische Notizen in lyrischer Prosa

Der folgende Text beschreibt das Verhältnis meiner Mutter zu meinem früh verstorbnen Bruder:

 

Mutterliebe

Das dritte Baby meiner Mutter starb an Leukämie im Alter von zwei Jahren. Alles ging sehr schnell und alle standen unter Schock. Es kam der Tod ganz unerwartet in das neu gebaute Haus im Grünen.

Neulich, als ich meine Umzugskartons packte, fand ich meiner Mutter Tagebücher wieder. Und ich fragte mich, wie sie wohl damals mit der Trauer umgegangen ist. Doch leider fand ich nichts als leere Seiten. Wochenlang verstummte ihre Feder.

Später wurde ihr ein weitres Kind geschenkt. Sie war schon beinah vierzig Jahre alt, doch ihre Hoffnung und die Freude waren größer als die Sorge. Die Entschlossenheit, es auszutragen, gab ihr recht. Ich war gesund und die Geburt ging leicht, und meine beiden Brüder waren glücklich, denn im Hause kehrte wieder Leben ein.

Ich weiß noch ganz genau, dass neben meinen zwei Geschwistern auch der kleine Urban immer da war. Mitten unter uns. Denn meine Mutter sprach so oft zu ihm. Und wenn wir Hilfe brauchten, bat sie ihn darum. Daher verwundert es auch nicht, dass ich genau wie sie mit ihm zu sprechen anfing, so, als wäre er ein lieber Freund.

Ich habe viel von ihm erhalten! Trost und Hilfe und ein bisschen Lebensglück. Ich bin zwar später "klug" geworden, habe nicht mehr ernsthaft dran geglaubt. Doch meine Mutter blieb ihm treu. Sein Bild war der Altar des Hauses, stets geschmückt mit Blümchen und Figürchen.

Erst viel später, als sie alt geworden war und ihr erster Sohn an Krebs erkrankte, kam ein Schatten über sie und ihren kleinen Urban. Denn so sehr sie bat, so sehr sie Gott anflehte, nichts vermochte mehr den Gang zu ändern, den das Schicksal nahm. Mein Bruder starb und meine Mutter wurde grau. Die letzte Hoffnung, dass der kleine Urban helfen würde, starb mit ihrem Ältesten dahin.

Es tat mir leid, sie so zu sehen. Denn ihr Glaube an das Gute schien mit einem Mal verschwunden. Und im Pflegeheim, wo sie vor kurzem starb, da fragte sie nicht mehr nach Urbans Bild. Doch glaub ich heute fest daran, dass sie es nicht mehr brauchte. Ihre Seele war schon längst zu ihren beiden Kindern heimgekehrt.

Das Bild jedoch ist nun bei mir.

 

verfasst am Sonntag, 6. Oktober 2013 © Orlando Bay

Dieser Text spürt einem Geheimnis meines Vaters nach:

 

Das Geheimnis meines Vaters

Bevor mein Vater meine Mutter kennen lernte, gab es eine andre Frau, die er sehr liebte. Doch die beiden fanden nie so recht zusammen, weil sie nicht von gleichem Stande waren. Irgendwann entschied sich die Geliebte, einen Mann zu nehmen, der dem Stand der Eltern ebenbürtig war.

 

Es war ein sehr beliebter Mann. Ein Mann, der Männer liebte. Seine Ehe war daher mehr Schein als Sein. Mein Vater, damals jung und ledig, wurde stets als Freund des Hauses eingeladen, durfte seine Freundin weiterhin besuchen. Und er durfte wohl noch mehr als das.

 

Doch schon nach kurzer Zeit hat ihm die Rolle nicht mehr zugesagt. Er wollte nicht mehr nur ihr Spielzeug sein. Er wollte eine eigene Familie gründen. In der Nacht, als die Geliebte spürte, dass die große Liebe ihres Lebens nicht mehr wieder kommen würde, setzte sie dem eignen Leben jäh ein Ende.

 

Viele, viele Jahre später, als mein Vater selber nah dem Tode war, da wollte er den Mann, der Männer liebte, wieder sehn. Er fuhr mit mir und meiner Mutter an den Bielersee. Er wollte aber unbedingt alleine sein mit ihm und schickte mich und meine Mutter an den See.

 

Erst Tage später sagte er zu ihr, dass er ein Foto sehen wollte. Eines von dem Kind, das seine Freundin hinterlassen hatte. Denn er wollte wissen, was aus ihm geworden war. Er wollte sehen, wie die Tochter aussah jenes Mannes, der die Männer liebte.

 

Erst nachdem mein Vater längst gestorben war, erfuhr auch ich von diesen stets verborgnen Hintergründen. Und auf einmal wurde mir so klar, warum mein Vater immer leidend wirkte, ja, warum er so bedrückt durchs Leben ging. Er nahm sein trauriges Geheimnis mit ins Grab.

 

Verfasst am  Mittwoch, 13. November 2013 © Orlando Bay

English biography

My first love
I was born on a wednesday morning half an hour before sunrise. When I was a child I loved to play in our little garden. Sitting under my birch tree I listened to the beautiful songs of the blackbirds. I talked to the clouds. And I remember that I got frightened when the mushrooms suddenly grew out of the ground after a warm summer rain. Once I fell from my beloved old apple tree and I cried the whole day long. My parents garden was my little paradise with its joys and fears. Till the age of seven I seldom played with other kids. During the winter days I often painted inside the house. But my father was a critical person. After his comments I tried to learn to paint better to gain his love. Whereas my mother was always happy when I showed her my pictures.

 

Occasionally on sundays my parents went on a visit to my uncle. He was a catholic priest, a fat but funny man who liked to play with windup toys. In his living room he had an old piano. A german Schiedmayer & Soehne. As I discovered this old black and brillant piece of furniture I was immediately fascinated. And my uncle was fascinated as he heard my little tunes coming out of the black box. So once on a sunday afternoon he made something that seemed nearly impossible: He decided to give me his beloved instrument as a present. Some days later it stood in my room!

 

That’s the way my first love found me. And I was grateful and happy to share my feelings with my piano. In all the following years it helped me to survive. It comforted me when I was sad or lovesick. It helped me as my father got sick and died on cancer. I was just thirteen. And my piano cared for me as I lost my beloved pets, my dog and my cat. And later on it was here when I realized that my little son cannot be like other children.

 

My parents did not have a lot of money. So I had to learn to play the piano by myself. I only had two years of education. And I don’t think I am a virtuoso. But I was free to improvise and to discover the tunes and sounds I like. So I always tried to find my music. The music of my heart. The music playing in my head.